27. Oktober 2007

Angst um die Politikwissenschaft

Ich habe bereits auf den aktuellen Konflikt ueber die Besetzung der Deppe-Professur am Marburger Institut fuer Politikwissenschaft und die Initiative zur Rettung der kritischen Wissenschaft hingewiesen. Nun hat die Frankfurter Rundschau einen Artikel zum Thema veroeffentlicht. Damit der gestrige Artikel der FR nicht verloren geht, fuege ich diesen hier an. Bitte nehmt auch an der Umfrage, ob die Universität Marburg weiter marxistische Politikwissenschaft anbieten soll, auf der verlinkten Seite teil! Zur Zeit sind ueber 86 Prozent fuer den Erhalt der Abendroth-Tradition...

Angst um die Politikwissenschaft
An der Uni Marburg steht die letzte Professur in marxistischer Tradition vor dem Aus

Einst galt das Marburger Uni-Institut für Politikwissenschaft als „rote Kaderschmiede“. Der marxistische Wissenschaftler Wolfgang Abendroth (1906-1985) bildete hier Generationen von Lehrern und Gewerkschaftern aus. Doch jetzt steht die letzte Professur in der Tradition Abendroths vor dem Aus.
Das Präsidium der Marburger Philipps-Universität wollte den marxistischen Zweig des Instituts bereits aufgeben, überlässt die Entscheidung aber nun dem Direktorium des Instituts. Nun wird darüber debattiert, bei welcher Professur der Rotstift angesetzt wird.
Um die mögliche Streichung des Lehrstuhls zu verhindern, haben sich Studierende und Wissenschaftler in einer „Initiative zur Rettung kritischer Wissenschaft in Marburg“ zusammengeschlossen. Mehr als 1000 Unterschriften haben sie übergeben. Schließlich sei die Marburger Politikwissenschaft durch Wolfgang Abendroth bundesweit bekannt geworden. Doch das Erbe des „Partisanenprofessors im Lande der Mitläufer“, wie Abendroth wegen Zuchthausstrafe in NS-Gefängnissen und seiner Beteiligung am griechischen Widerstand genannt wurde, sorgt für massiven Krach im Institut.
Die Mehrheitsverhältnisse haben sich dort schon längst gedreht. Wo einst fast die Hälfte der Professoren zur Abendrothschule zählte, bezeichnet sich heute fast niemand mehr als Marxist. Wie stark die Politikwissenschaftler nun gerade diese Tradition stützen, ist daher sehr unsicher. „Das Problem ist die gnadenlose Unterfinanzierung des Faches“, sagt Politikprofessorin Ingrid Kurz-Scherf. Instituts-Direktor Peter Henkenborg will sich lieber gar nicht dazu äußern.

Schüler mehrfach vertröstet
Dabei sind die Abendrothschüler schon mehrfach vertröstet worden. Weder bei der Besetzung des Lehrstuhls von Faschismusforscher Reinhard Kühnl noch in der Nachfolge von Georg Fülberth konnten sie sich durchsetzen. Und dies, obgleich es eigentlich einen Konsens innerhalb des Instituts gab, nach dem der marxistische Zweig zumindest mit einer Professur noch vertreten sein solle. „Nun droht Marburg in der Beliebigkeit zu verschwinden“, kritisiert der Asta-Referent für Hochschulpolitik, Nikolai Huke. Und selbst Wissenschaftler, die anderen politischen Richtungen angehören, wollen den marxistischen Zweig erhalten. „Das ist ein Markenzeichen der Marburger Sozialwissenschaften“, sagt Dekan Dirk Kaesler.
Mit Frank Deppe ging im vergangenen Jahr der letzte noch am Institut lehrende Abendrothschüler in Rente. Nachdem der zunächst berufene Wissenschaftler den Ruf einer anderen Universität angenommen hat, steht mit Dieter Plehwe vom Berliner Wissenschaftszentrum nun ein Deppe-Schüler und „Abendroth-Enkel“ auf Platz eins der Berufungsliste. Doch dann funkte das Präsidium der Philipps-Universität dazwischen, das zunächst ausgerechnet diese Professur streichen wollte.
Dass dies politische Gründe hat, bestreitet Uni-Präsident Volker Nienhaus. Die Politikwissenschaft habe einen dramatischen Mangel an Mittelbau-Stellen. Um dies zu ändern, habe er vorgeschlagen, Professuren in Mitarbeiterstellen umzuwandeln. Auf den Deppe-Posten sei er gekommen, weil die Themen – Internationale Politische Ökonomie und Europaforschung – nicht so zentral seien.
Die Entscheidung soll nun das Institut treffen. Nienhaus bleibt jedoch dabei, dass eine der in den nächsten Jahren frei werdenden Professuren gestrichen werden müsse. „Ich will auch keinen Mainstream im Fach“, sagt der Uni-Präsident, der sich zur Abendrothschule nur widerstrebend äußert. „Sie hatte ihren Höhepunkt“, meint der Ökonom: „Der liegt aber nicht in der Zukunft.“

Quelle: Artikel von Gesa Coordes aus der Frankfurter Rundschau vom 26. Oktober 2007
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