14. März 2008

Lesetipp: Die Elemente mischen

Hier mal wieder ein Lesetipp. Die folgende Rezension "Die Elemente mischen" von Thomas Wagner ist Teil 3 der jW-Serie "Literatur und Engagement" und handelt von einem neuen Buch zum angeblichen "Kampf der Kulturen".

Ilija Trojanows Absage an den sogenannten Kampf der Kulturen


Würden wir ähnlich hysterisch auf den Treibhauseffekt wie auf den Terrorismus reagieren, müßten wir alle mit Schwimmwesten herumlaufen und Schlauchboote auf unseren Gepäckträgern befestigen. Statt dessen sind wir voreilig bereit, mühsam erkämpfte Bürgerrechte aufzugeben und eine stolze Haltung der kulturellen und religiösen Toleranz als gescheitert abzutun, während wir die kolossalen Schäden unserer Wirtschaftsweise achselzuckend hinnehmen«, analysisierte Ilija Trojanow in der taz 2006. Angesichts der staatlich geschürten Terrorangst in den kapitalistischen Demokratien des Westens plädiert der 1965 in Sofia geborene Schriftsteller für politische Vernunft.

Durch den Bestseller-Roman »Der Weltensammler« (2006) über den britischen Kolonialoffizier, Abenteurer und Schriftsteller Sir Richard Burton hat sich Trojanow einen großen Leserkreis erschlossen. Seine Popularität nutzt er heute vermehrt zu politischen Wortmeldungen. Mal setzt er sich für die Buchpreisbindung ein oder kritisiert die Ausbeutung afrikanischer Künstler durch westliche Prominente, oder er greift die von Innenminister Wolfgang Schäuble vorangetriebene Verschärfung sogenannter Sicherheitsgesetze als eine nicht hinnehmbare Bedrohung von elementaren Freiheitsrechten an. Dann wieder nimmt er die Machenschaften der Rüstungsindustrie aufs Korn und kritisiert, daß Israels Angriffskrieg gegen den Libanon 2006 von den hiesigen Medien gerechtfertigt wurde.

Der Sohn bulgarischer Flüchtlinge hat für die unter kapitalistischen Vorzeichen durchgesetzte Globalisierung genausowenig übrig wie für die Hinterlassenschaften des Staatssozialismus in der Heimat seiner Eltern. Die bulgarische Demokratisierung sei eine »Pluralismusfarce«, in der die »kommunistische Führungsriege zu einer kapitalistischen Oberschicht mutiert war«. Im zentralistischen Nationalstaat, sei er sozialistischer oder kapitalistischer Bauart, sieht er angesichts von 100 Millionen Toten im 20. Jahrhundert eher einen Teil des Problems als einen Teil der Lösung. Staatliche Herrschaft müsse durch mehr regionale Basisdemokratie und durch den Aufbau supranationaler Verbände soweit wie möglich absorbiert werden. Selbst erst vor wenigen Jahren zum Islam konvertiert, wirbt Trojanow um Verständnis für die egalitären Qualitäten eines aufgeklärten Islam: »Soziale Mißstände sind immer und überall eine Schande, in islamischen Ländern verletzen sie aber die heilige Ordnung, verhöhnen das Gebet und sind neben dem weltlichen Versagen auch Ausdruck religiöser Verfehlung.« Überall, wo er an die Macht gekommen sei, habe es der politische Islam versäumt, den sozialen Inhalt des Glaubens umzusetzen. Die US-Regierung und ihre Verbündeten verschleierten wiederum, daß die neuen militanten Bewegungen aus den Ländern des Südens unter der Voraussetzung von massenhaftem Elend und himmelschreiender Ungleichheit entstanden seien.

Einsicht in den unfriedlichen Charakter der sogenannten Globalisierung erlangte Trojanow schon als Kind. Im zarten Alter von sieben Jahren machte er als politischer Flüchtling mit seinen Eltern zunächst Station in der BRD, besuchte danach in Kenia zunächst eine englische und dann eine deutsche Schule. Er lernte Kisuaheli, sprach zu Hause bulgarisch und schreibt seine Reiseberichte und Romane heute auf deutsch. Während seines Ethnologie-Studiums in München gründete er einen Verlag für afrikanische Literatur und lebte später einige Jahre in Kapstadt und in Bombay. Auf seinen Reisen lernte er vor Ort, daß die wirklich relevanten Konflikte mehr mit der ungleichen Verteilung ökonomischer und politischer Macht zu tun haben als mit fundamentalen kulturellen Unterschieden.

Gemeinsam mit dem indischen Dichter Ranjit Hoskote (geboren 1969) verfaßte er 2007 unter dem Titel »Kampfabsage« eine Streitschrift gegen die kriegstreiberische Ideologie des sogenannten Kampfs der Kulturen. Die Autoren veranschaulichen in zahlreichen kulturgeschichtlichen Exkursen, wie sich die menschliche Kultur nur dadurch weiterentwickelt, daß sich ihre Elemente ständig neu vermischen. Auch jene Werte, die von interessierten Kreisen allein dem »christlichen Abendland« oder dem »Westen« zugeschrieben werden, wurden »durch Quellen inspiriert [...], die heute als ›nichteuropäisch‹ gelten«. Politiker strebten danach, die Mischungsverhältnisse vergessen zu machen. »Der Kreuzzug von US-Präsident Bush ist gegenüber den verschiedenen Schattierungen der Vielfalt so blind wie Bin Ladens Jihad: Sie sind Zwillinge des Terrors, Spiegelbilder in dem Wunsch, die kulturelle Schaffenskraft einzuschränken, zu gängeln und abzuwägen. Die Vertreter derartiger Ideologien nehmen für sich in Anspruch, sie würden eine große Tradition verteidigen, die sie jedoch auf eine armselige Version ihres religiösen und kulturellen Erbes zurückgestutzt haben.«

Trojanow, Ilija/Hoskote, Ranjit: Kampfabsage. Kulturen bekämpfen sich nicht – sie fließen zusammen. München 2007, Blessing, 240 S., 17,95 €.
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